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Michaeli in unserem Kindergarten

Nachdem wir im Spätsommer mit der neuen Kinder-Eltern-Gemeinschaft das Erntefest recht groß gefeiert haben, wollen wir den Michaeli-Festtag nun im kleineren Rahmen begehen, am Vormittag des 29. September. Nach der langen Erntezeit mit seinen goldgelben bis orangefarbenen Tüchern hat sich die Farbgebung im Gruppenraum nun ins tiefrot gewandelt und auf  dem Jahreszeitentisch liegt schon seit einigen Tagen ein roter „Mantel“, ein gelber Umhang und eine goldene Prinzessinnenkrone.
 
Die älteren Kinder wissen sofort: “Das ist für das Ritterspiel! Darf ich zuerst der Ritter sein?“
Ich verstehe die Aufregung sehr gut und auch den Wunsch als erstes Ritter sein zu wollen und doch  muss ich antworten: “Das werden wir an Michaeli sehen.“ Und einige Kinder bemerken: “Ja, und das Schwert fehlt ja noch.“ 
Ein paar Tage später ist es dann soweit: Der Jahreszeitentisch ist noch einmal schön gerichtet, herbstliche Zweige und z.B. Astern stehen darauf, eine neue Kerze ist entzündet und - das Schwert liegt da!
Einige der Kinder bemerken es sofort. Besonders die Augen der größeren glänzen und jedes hofft, als erstes Ritter oder Prinzessin sein zu dürfen. Die neuen Kinder spüren: heute geschieht etwas Besonderes und obwohl sie noch nicht wissen was, lassen sie sich von der aufregenden Vorfreude anstecken.
 
Aber vor jedem Fest wird erst tüchtig gearbeitet. So auch heute: es wird zuerst ein Apfelkuchen gebacken und schnell sind die Schürzen umgebunden und die Hände gewaschen, denn alle wollen mithelfen. Wenn dann der Kuchen im Ofen ist, werden die Tische zu einer langen Festtafel zusammengestellt – so wie wir es zu den Geburtstagen oder anderen festlichen Anlässen tun. Wenn dann der Tisch ordentlich gedeckt und der Jahreszeit entsprechend hübsch geschmückt und der Gruppenraum „festesfein“ aufgeräumt ist, gehen alle in den Waschraum. Anschließend „knüpfen“ wir mit frisch gewaschenen und wohlriechenden Händen das „goldene Band“ und ziehen in den Gruppenraum ein. Ich wähle zwei der älteren Kinder aus, die sich sicher sind indem was sie nun zu tun haben. Ohne viele Worte und Erklärungen (die würden die freudig-warme Stimmung zerstören) verwandele ich das eine Kind mit Krone und Umhang in die Königstochter, die sofort weiß, wo ihr Platz ist: sie hockt sich in die Mitte des Kreises. Das andere bekommt den roten Mantel und: das Schwert! Endlich! Es stellt sich an den Platz, wo der Ritter immer steht, außerhalb des Kreises.
 
Alle anderen Kinder und wir Erwachsene nehmen uns nun fest an die Hand, rücken ganz dicht zusammen und bilden somit den „Turm“ um die hockende „Königstochter“. Es ist still und die Kinder sind gespannt. Nun beginne ich das Gedicht zu sprechen - das Gedicht  vom Ritter, der den Drachen besiegt und die Königstochter befreit. Das Spiel nimmt seinen gewohnten Verlauf und zum Schluss, mitfühlend mit dem Ritter, singen wir voller Inbrunst:
Wenn ich groß bin, wenn ich groß bin,
so groß wie die Welt,
dann werd` ich ein Ritter,
ein Ritter und Held.
 
Wenn ich stark bin, wenn ich stark bin,
so stark wie ein Stier,
dann schlag ich im Walde
das Drachengetier.
 
Und die Erde und der Mond
und die Sterne sind mein -
die Sonne soll auch
für den Rittersmann sein.
Ohne Worte - denn es bedarf gerade keine - nehme ich Umhänge, Schwert und Krone ab, lege alles sorgsam auf den Jahreszeitentisch und dann ziehen wir Hand in Hand an die Festtafel. Die Kerzen werden angezündet und  wir lassen uns den Apfelkuchen gut schmecken - welch ein Festessen!
Wie immer gehen wir auch heute nach dem Essen nach draußen und auch da gibt es nun viele starke Ritter. Am Ende des Vormittages versammeln wir uns im Abschlusskreis und hören das Märchen von der „Königstochter in der Flammenburg“.
In den nächsten Tagen dürfen auch andere Kinder Ritter oder Königstochter sein, denn nun wissen auch die neuen, was zu tun ist.